Überfahrt 2019, entlang der Norwegischen Küste.

Seid ihr bereit für lange Polarnächte, die Weite der Nordsee und tanzende Nordlichter?

Wunderbar, dann können wir ja gleich ablegen. Bevor es aber losgeht noch eine wichtige Information (die Safety-On-Board-Instruktionen lassen wir ausnahmsweise weg):

Was jetzt kommt ist kein Ersatz für unseren Fotoabend. Sobald es die Situation zulässt, werden wir diesen selbstverständlich durchführen. Seemannsehrenwort!

Damit der Fotoabend nicht zur Repetition wird, haben wir uns drei Themen herausgepickt. Im ersten Teil beantworten wir die wohl häufigste Frage: Wie funktioniert das mit der Verpflegung an Bord (vom Einkauf für mehrere Wochen bis zu Kochen bei drei Meter hohen Wellen)? Okay, wir geben zu, die Frage, ob man das denn freiwillig mache, ist uns wohl noch öfters gestellt worden. Das haben wir uns tatsächlich auch verschiedentlich gefragt, dazu aber mehr im zweiten Teil. Denn da geht es um einen Tag auf der Nordsee — Wind, Wellen und gute Laune inklusive. Der dritte und abschliessende Teil steht ganz im Zeichen eines gemütlichen Segeltags entlang der Norwegischen Küste. Wir erkunden die einsamen Fjorde und mit etwas Glück sehen wir auch Nordlichter … Klingt gut, nicht?

Da wir doch etwas Zeit brauchen, um spannende Inhalte für euch zu kreieren, werden wir die drei Teile im Zwei-Wochen-Rhythmus hier veröffentlichen. Wir wünschen viel Spass beim Lesen und hoffen, euch in dieser ungewohnten Situation etwas Unterhaltung und Abenteuer bieten zu können!

Laura & Tobias

PS: Wir haben uns alle Mühe gegeben, dass ihr die Inhalte auch auf Smartphone und Tablet anschauen könnt. Wir empfehlen aber unbedingt einen grösseren Bildschirm!

Teil 1: Verpflegung an Bord

Flø, der Kapitän und Eigner der Safier koordiniert die Essenslieferung von Albert Heijn.

Enkhuizen ohne Mehl

Als wir uns im Januar 2019 in Enkhuizen auf die Überfahrt vorbereiten, ist die Einkaufsliste wie jedes Jahr ziemlich lang. Was wir im Albert Heijn (Migros der Niederlande) online bestellen können, lassen wir uns direkt zum Schiff liefern. Laut Werbung bringt der Lieferdienst die Einkäufe direkt in die Küche. Als wir dem Fahrer jedoch zeigen, wo sich unsere Küche befindet, winkt dieser lachend ab. Selbstverständlich helfen wir beim Ausladen der dutzenden von Lieferkisten. Die Anlieferung ist ein wichtiger Fixpunkt im Tag, da es möglichst viele helfende Hände braucht, welche die Kisten an Bord bringen. Das Ziel ist, deren Inhalt sofort auszuräumen und dadurch die leeren Kisten gleich wieder zurückgeben zu können – besonders jeweils bei der letzten Lieferung, bevor es dann auf die Reise geht. Die Produkte, welche wir nicht online bestellen, holen wir direkt im Supermarkt. Meistens findet sich da alles. Ausser 2019, da gibt es ein Problem: Mehl. Die Einkaufs-Crew schafft es tatsächlich, alles Mehl, welches es zurzeit im kleinen Städtchen Enkhuizen gibt, aufzukaufen. Weder im Albert Heijn, im Deen oder sonst einem Supermarkt gibt es nach dem Besuch von Laura, Nele und Ursina noch ein einziges Kilo Mehl. Und gerne hätten wir noch mehr eingekauft, denn wie sonst sollen wir alle zwei Tage unsere 2 Kilogramm frisches Brot backen?
Wer sich nun ab den Unmengen an Mehl an den Kopf fasst, sollte besser nicht weiterlesen. Denn der gesamte Essenseinkauf für fünf Wochen Überfahrt mit 10 Seeleuten ist noch weitaus umfangreicher und liegt bei zirka 2’500€. Dazu kommen langhaltbare Nahrungsmittel für weitere 2–3 Monate Ski & Sail Reisen. Diese Reisen sind überhaupt der Grund, weshalb die Safier seit einigen Jahren im garstigen Januar nordwärts fährt. Die Überfahrt ist ihr Anfahrtsweg zur Skitourensaison in Nordnorwegen. Das Total aller Einkäufe, die wir in den wenigen Tagen vor der Abfahrt auf die Safier laden, beläuft sich so auf zirka 5’000–6’000€. In Anbetracht der tiefen Lebensmittelpreise in Holland, sind diese Zahlen umso eindrücklicher.
Neben dem Einkauf von Esswaren gehört natürlich auch das Volltanken des Wasser- und Dieseltanks zu den letzten Vorbereitungsarbeiten. Besonders weil der Diesel in Norwegen so teuer ist. Flø hat das einmal ganz pragmatisch so formuliert: “Wenn ich in Norwegen tanken muss, dann mache ich das schon, logisch. Aber die Quittung oder den Zähler schaue ich mir dabei nie an. Die Quittung stecke ich dann auch direkt ins Couvert für die Buchhalterin, ohne einen Blick darauf zu werfen.” Total fasst die Safier 3’000 Liter Diesel, eine beachtliche Menge und ausreichend für — natürlich immer abhängig von Wind und Wellen — die Überfahrt sowie 2 Monate Ski & Sail. Der Diesel wird sowohl zum Antrieb als auch zur Stromerzeugung mit den Generatoren und zum Heizen verwendet.

“Heute kommen die letzten der über 30 Kisten mit Essen von Albert Heijn und wir gehen für die gesamten Frischwaren noch direkt einkaufen, schnell 18 Gurken, 20 Lauchstangen, …”

04.01.2020, Tagebucheintrag Tobias

Waar moet dit allemaal heen?

“Wo soll das alles hin?” — Die überlieferte Aussage eines Crew-Mitglieds bei den Vorbereitungen für eine der Überfahrten vor 2018. Gehört also sozusagen zum Seemannsgarn. Aber ganz ehrlich, auch wir haben uns im ersten Jahr bei jeder weiteren Albert-Heijn-Lieferung oder der Rückkehr der Einkaufs-Crew aus dem Supermarkt genau diese Frage gestellt. Wer das Schiff nicht kennt, kann sich nur schwer vorstellen, wo man 30 Kilogramm Kartoffeln, 150 Liter UHT-Milch, 30 Liter Orangensaft, 140 Eier, 50 Packungen Kaffee, 50 Kilogramm Mehl und weitere gefühlte 100 Produkte in Grossmengen verstaut.
Eines vorweg: die Kapazitätsgrenze haben wir nie erreicht. Das geht aber nur mit guter Planung und dank dem Umstand, dass die Safier — auf den zweiten Blick — doch sehr viel Stauraum bietet. Mancher ist einfach zugänglich und offensichtlich, so zum Beispiel die Bank im Tagesraum. Mehrere in die Sitzflächen eingelassene Holzluken schaffen hier Zugang zu Hohlräumen, die man sehr gut mit Konserven und wichtigen Grundzutaten (Reis, Pasta, Linsen, …) auffüllen kann. Einige sind etwas weniger gut zugänglich, so zum Beispiel der kleine Kasten in der hintersten Ecke der Zweier-Kabine an Backbord (in Fahrtrichtung links) oder die Lagerkisten unter dem Bürotisch (ja, die Safier hat auch ein Büro an Bord). Und wiederum andere Lagerorte sind — so zumindest der Eindruck — eher fürs Schmuggeln gedacht. So hat das Büro einen doppelten Boden, der nur zugänglich ist, wenn der davorliegende Tritt auseinander gebaut wird. Oder es können Bodenplatten herausgehoben werden, wodurch man auf die darunter liegenden Tanks mit Panzertape eine Jahresration Kaffeepulver kleben kann.

Essgewohnheiten unterwegs

Unter gewissen Bedingungen, wenn es zum Beispiel etwas schauklig ist, hofft man inständig, dass die Packungen Nudeln oder die Dose Kichererbsen fürs Zmittag ganz oben auf den Vorräten liegen. Einfach nicht unter den Büroboden robben müssen, nicht jetzt. Handgezeichnete Lagepläne, auf welchen alle Lebensmittel eingezeichnet sind, helfen uns dabei, die gesuchten Produkte schnell zu finden. Ist die Mahlzeit zubereitet, muss dann jeweils noch entschieden werden, in welcher Form wir essen. Gestaffelt im geheizten Tagesraum, zusammen auf dem Achterdeck in der Sonne oder zusammengekuschelt im Steuerhaus. Wenn Wetter, Wellen und Helligkeit es zulassen, kann nach der Essenspause noch gemütlich im Steuerhaus gestrickt werden.
Was neben den Hauptmahlzeiten nie fehlen darf, sind die beiden Kaffeepausen inkl. Süssigkeiten am Morgen und Nachmittag. Denn wer hat schon keine Lust auf einen Kafi Schlumpf (Kaffee mit Milchschaum) und ein, zwei, drei, vier Kekse?

Da wir am Morgen nicht sofort ablegen, bleibt etwas Zeit zum Fischen und prompt beisst bei Ursina ein Kabeljau an. Damit ist auch das Menü für heute Abend gleich etwas konkreter geworden.

Nicht immer sind die Bedingungen zum Ausnehmen so gemütlich wie hier. An kalten Tagen frieren einem dabei fast die Finger ab.

Frischer Fisch

Während der Fahrt einen Fisch zu angeln, sei bei sehr ruhigen Bedingungen und wenig Wind möglich. In den letzten drei Jahren waren wir jedoch meistens zu schnell unterwegs oder hatten schlichtwegs kein Glück beim Fischen. Nicht einmal der Umstand, dass der Kabeljau ein doch ziemlich mutloser Fisch ist, hilft uns jeweils. Mutlos deshalb, weil ein Kabeljau, sobald er angebissen hat, sich kaum noch wehrt. Andere Fischarten, so zum Beispiel der Köhler (oder auch Seelachs, weil er sich unter dem Namen besser verkaufen lässt), zeigen sich da ganz anders. Ein 20 Zentimeter langer Fisch gibt einem da schnell einmal das Gefühl, man habe ausversehen einen Orca am Haken … Andere Strategien haben sich aber durchaus als erfolgreich herausgestellt. Sowohl von der Safier als auch vom Beiboot oder einem Steg aus haben wir immer mal wieder Fische gefangen.
Doch mit dem Fischen alleine ist es noch nicht getan. Die Bilder oben zeigen, wie Ursina ihren ersten, selbstgefangen Fisch ausnimmt. Jedoch ist dieser Akt nicht immer ganz so sauber, wie auf den Fotografien. Es ist auch vorgekommen, dass das Gangbord (der seitliche Durchgang an Deck) und das Beiboot noch eine ganze Weile Spuren vom ausgenommenen Fisch aufgewiesen haben. Diese hängen wir dann bis zur weiteren Verarbeitung an das Netz auf dem Achterdeck (achtern = hinten) oder lagern sie in einem Eimer gefüllt mit Wasser. Bevor der Fisch zubereitet wird, muss er im Normalfall noch filetiert werden. Bei einem grossen Kabeljau dauert das gut und gerne über eine halbe Stunde. Fabi, unser Steuermann auf allen drei Überfahrten, macht diese Arbeit hervorragend!
Egal ob in Weisswein auf einem Gemüsebett, als Fischchnusperli im Bierteig oder als Fischfilets zu Bratkartoffeln — mit so frischem Fisch ist ein Festmahl garantiert!

Bordkulinarik und andere lebenswichtige Dinge

Wir werden immer wieder sehr erstaunt angeschaut, wenn wir von unseren Mahlzeiten und Kochmöglichkeiten auf der Safier erzählen. Ja, die Bordküche ist unter anderem mit einem Backofen und einem Mixer ausgestattet. Selbstverständlich hat es auch eine breite Auswahl an Gewürzen und Tee (Bio Alpenkräuter-Tee aus der Migros!) an Bord. Ihr seht, eigentlich ist es fast wie in der Küche zu Hause, nur dass es etwas mehr schaukelt und unterwegs alles immer seefest gemacht werden muss.
Auch die Frischwaren müssen das alles mitmachen. Zugegeben, wir waren auf der ersten Überfahrt selber etwas überrascht, was kulinarisch auf so einer Reise alles möglich ist . Natürlich gibt es die Momente, in welchen eine fixfertige Nudel- oder Tomatensuppe aus der Tüte einen überglücklich macht. Aber am Abend tischen die immer wechselnden Küchen-Crews nicht selten Mehrgangmenüs auf. Vor Anker oder an einem Steg liegend, kann man das gemeinsame Essen gemütlich an den beiden grossen Tisch im Tagesraum geniessen. Selbstverständlich macht eine Überfahrt ohne Nachtisch nur halb so viel Spass. Frischgebackener Kuchen oder Vla mit Hagelslag (holländischer Pudding aus dem Tetrapack mit Schokostreusel) finden fast immer noch Platz im Dessertmagen. Zum gemütlichen Zusammensein nach dem Essen gehören dann meistens auch die weitere Reiseplanung, ein Blick auf die Wetterkarten, Spiele spielen und Lesen.
Wer nun gedacht hat, dass man bei Frühstück, Kaffeepause, Zmittag, Zvieri und Znacht nicht auch zwischendurch einmal Hunger haben kann, liegt völlig falsch. Ein Spiegelei oder Omelett geht immer. Da erstaunt es aber auch nicht, dass die 140 in Enkhuizen gekauften Eier nicht bis Bodø gereicht haben …

“Für einen erfahrenen Skipper wie Jelte ist nicht mal die Herausforderung ein Omelett bei Windstärke 6–7 Beaufort zu gross. Die Pfanne muss er von Hand halten, durch die Küche rutschen wir auf den Socken.”

23.01.2019, Tagebucheintrag Laura

Wenn ihr bei Beaufort nur an Käse denkt, haben wir euch eine Aufnahme von ebensolchen Windbedingungen an Bord der Safier. Der Käse heisst darüber hinaus übrigens Roquefort (und Tobi mag den gar nicht).

Als Pascal die Trockenhefe aus der Schublade nehmen will, trifft inmitten eines mutmasslich ruhigen Moments eine heftige Welle die Safier. Plötzlich kommt alles in Bewegung und nur dank guten Reflexen gelingt es ihm, die Schüssel mit den restlichen Brotzutaten aufzufangen. Die Vorhänge geben ein Gefühl dafür, wie schräg das Schiff aktuell ist.

Mehr Essen als Geniessen

Frischer Fisch auf Gemüsebett, dazu ein Kartoffelgratin. Alles sehr lecker. Aber es gibt Situation an Bord, da freut man sich … – wobei nein, beim genaueren Überlegen hat man absolut gar keinen Appetit und die Freude hält sich in Grenzen. Seit 48 Stunden stampfen wir durch die aufgewühlte Nordsee und ans Essen denken nur noch die Wenigsten. Die sind es aber, welche die ganze Crew bei Kräften halten. Unter wahrlich schwierigen Bedingungen — und wir glauben, das Video zeigt es doch ganz gut — bereiten die Seefestesten unter uns mindestens einmal am Tag eine warme Mahlzeit zu. Auch wenn Vielen gar nicht nach Essen zu Mute ist, ein paar Löffel Stampot (hier ein Rezept) müssen sein. Die Energiereserven sind gefordert und da hilft jeder noch so kleine Bissen. Daneben stehen Reiswaffeln, Salzstangen und Bananen sehr hoch im Kurs. Essenstechnisch ist die Nordsee sicherlich der günstigste Teil der Überfahrt, da wird in 5 Tagen etwa soviel gegessen wie normalerweise an zwei Tagen. So etwas wie Frühstück, Zmittag und Abendessen gibt es nicht mehr. Das ist aber mehr dem Umstand geschuldet, dass wir auf diesen langen Schlägen in einem Wachsystem segeln. Das heisst, es sind immer Teams von 3–5 Personen an Deck, damit sich der Rest der Crew erholen kann. So ist es nicht unüblich, dass man um 2 Uhr morgens ein Frühstück isst und nach etwas Schlaf direkt mit dem Znacht um 18 Uhr weiterfährt. Natürlich muss die Nordsee nicht immer so rau sein, doch der Januar ist nicht unbekannt für seine Stürme, die dieses Jahr auch bis in die Schweiz zu spüren waren. Und wer beim Betrachten des Videos nun fand, dass es doch gar nicht so schlimm schaukelt, soll sich einmal auf die Vorhänge in der Küche oder auf Sam, der sich im Vordergrund gerade für die nächste Wache vorbereitet, konzentrieren … Genau, da ist doch etwas Bewegung dabei.
Wie die Bedingungen auf der Nordsee mit ihren unangenehm kurzen Wellen so ist und wie das mit den Wachen genau funktioniert, erfahrt ihr im nächsten Teil. Diesen planen wir, in zwei Woche zu veröffentlichen — schaut einfach wieder hier vorbei. Bis dahin wünschen wir euch eine gute Woche, bleibt gesund, bleibt geduldig.

Teil 2: Die Nordsee

Die Nordsee ist bekannt für ihre kurzen, steilen Wellen. Leider keine Eigenschaft, die besonders angenehm ist an Bord eines Schiffes. So bringen knapp 3 Meter hohe Wellen schon sehr viel Unruhe und fordern Schiff und Crew.

Festhalten, Welle von Backbord!

Pascal krallt sich am Steuer fest, Sjoerd greift nach der Lifeline, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Die Gischt wird vom heulenden Wind über das Deck geschleudert und die Safier neigt sich ruckartig 30° nach Steuerbord. Der Teekrug auf dem Achterdeck verliert dadurch seine Haftung auf der Antirutschmatte und knallt in die Reling. Im Innern des Schiffes hört man das Klirren des Geschirrs, welches unsanft im Gestell hin und her rutscht. So schnell wie die Welle aufgetaucht ist, so plötzlich ist sie auch schon wieder unter uns durchgerollt und die Schräglage nimmt ab. Sjoerd hat zum Glück sofort reagiert und den Teekrug sowie die beiden Metallbecher, die ihm gefolgt sind, aus dem Gangbord gefischt, bevor sie von Deck gespült worden wären. Abgesehen von einer kleinen Delle im Teekrug ist dieses Mal nichts passiert. Damit dies auch so bleibt, gibt es auf Hoher See eine Reihe von Sicherheitsvorkehrungen, die wir jeweils vor Abfahrt treffen. Zum einen wird das Schiffsinnere seefest gemacht, was soviel heisst wie: alle Bullaugen dicht verschliessen, Kabinen aufräumen, lose Sachen festbinden, Stofftiere als Polstermaterial zwischen das Geschirr stopfen, Töpfe auf dem Herd festklemmen, alle Schubladen und Türen einhaken und viele weitere kleinere Checks. Zum anderen gibt es verschiedene Vorkehrungen an Deck: die Lifelines (dazu gleich mehr) werden aufgebaut sowie Sicherungsleinen an allen Festmachtrossen (dicke Seile zum Befestigen des Schiffs am Steg) und den zwei Ankern angebracht.
Sobald wir unterwegs sind, tragen alle Crewmitglieder an Deck eine Rettungsweste. Diese würde sich im Falle, dass man über Bord geht, sofort aufblasen. Dank der kompakten Grösse ist sie für die Arbeit an Deck im Gegensatz zu den viel sperrigeren, traditionellen Rettungswesten mit ihren dicken Auftriebsblöcken sehr gut geeignet. Zusätzlich sind alle Rettungswesten mit einem Karabiner an einer kurzen Leine ausgerüstet. Damit kann man sich am Schiff einhaken. Hier kommen auch die Lifelines ins Spiel. Diese Leinen (an Bord eines Schiffes spricht man nie von Seilen) werden vom Bug bis zum Achterdeck entlang der Reling gespannt und dienen zur Sicherung, wenn man sich an Deck aufhält. Zusätzliche Querleinen über das Deck ermöglichen so auch das sichere Arbeiten abseits vom Gangbord. Trotzdem wäre ein Sturz oder Ausrutschen an Bord fatal. Deshalb gilt die Regel: eine Hand fürs Schiff, eine Hand für sich – und im Notfall beide Hände für sich. Denn so schade es um Schäden am Schiff ist, die Sicherheit der Crew steht über allem.
In den Tagen hier auf der Nordsee begeben wir uns nur auf das exponiertere Vordeck, wenn es wirklich etwas zu tun gibt. Wir halten uns also grösstenteils auf dem Achterdeck auf, entweder im Steuerhaus am Navigieren/ Aufwärmen oder dann draussen, hinter dem Steuerhaus, am Ruder. Gerade nachts ist es so einfacher, sich gegenseitig im Blick zu behalten; bei viel Wind würde ausserdem, um vom Steuer aus mit jemandem auf dem Vordeck zu kommunizieren, nicht einmal schreien reichen.

Am Bug bricht eine Welle und das Gangbord steht – wie so oft – unter Wasser. In der Ferne sieht man die Lichter eines grossen Tankers.

Diese beiden Bilder hat Tobi während der Überfahrt vor zwei Jahren aufgenommen. Sie zeigen eindrücklich, wie viel Wasser bei etwas grösseren Wellen ins Gangbord gespült wird. Ganz selten ist das Wasser bis ins Steuerhaus geschwappt und hat einmal sogar Lauras Rettungsweste ausgelöst! Wobei hier der Umstand, dass der Auslösemechanismus in den Rettungswesten nach längerem Gebrauch sensitiver wird, wohl ausschlaggebend war. Denn eine Tablette, die sich beim Kontakt mit Wasser auflöst, dient als Widerstand für eine Nadel, die wiederum eine CO2-Kartusche aufsticht. Sobald sich also die Tablette auflöst, bohrt sich die Nadel in die Kartusche und die Rettungsweste wird so innert weniger Sekunden mit CO2 aufgeblasen. Wenn die Tabletten immer mal wieder hoher Luftfeuchtigkeit ausgesetzt sind — was bei Regen und Gischt an Bord selbstverständlich der Fall ist— so werden sie spröde und können sich, wie bei Laura, schon bei nur wenig Wasserkontakt auflösen.

Christof nutzt einen etwas ruhigeren Moment für ein kurzes Nickerchen. Er hat in den letzten 24 Stunden nur wenig geschlafen, zuerst ein gerissenes Grosssegel, dann ein kaputtes Druckfass der Heizung im Maschinenraum und fast die Hälfte der Crew fällt seekrank in der ersten Nacht auf der Nordsee aus.

Dunkelheit und Sturmsegel

Dass wir auf der Nordsee mehrere Tage und Nächte am Stück unterwegs sind, bringt auch alle Herausforderungen des Segelns ohne Tageslicht mit sich. Damit es weiterhin möglich ist, Ausschau zu halten und Schiffe am Horizont zu erkennen, ist das Licht an Deck auf ein Minimum reduziert. Neben den roten (Backbord, links) und grünen (Steuerbord, rechts) Positionsleuchten auf dem Steuerhaus sowie auf dem Masttop und am Heck, kommen nur wenige Lichtquellen im Steuerhaus dazu. Hauptsächlich sind dies der Monitor für die digitale Seekarte sowie das rote Arbeitslicht für den Kartentisch. Umso wichtiger ist es jetzt, dass man praktisch blind weiss, wo welche Leinen festgemacht sind. Gab es in den letzten beiden Jahren immer wieder wunderschöne Sternenhimmel und Mondnächte, welche für etwas Licht gesorgt haben, so sind die Nächte dieses Jahr mehrheitlich dunkel. Mit jeder neuen Front kommen auch die Wolken und so starren wir in den meisten Nächten hinaus ins trübe Wetter und suchen den Horizont nach Schiffen, Bohrinseln oder sonstigen Hindernissen ab.
Nachdem die Wellen während des Tages stetig zugenommen haben, erreichen sie gegen Mitternacht ihre maximale Höhe, die bei ungefähr 5 Metern zu liegen kommt. Alle Segel sind geborgen und gesichert, so dass sie nicht vom Wind weggezerrt werden können. Damit das Schiff stabil bleibt, ist anstelle der Fock (Vorsegel) eines der beiden Sturmsegel gesetzt. Eigentlich hatten wir immer gehofft, dass wir dieses nie brauchen werden, nun ist es doch dazu gekommen. Um zudem manövrierfähig zu bleiben, läuft im Maschinenraum der 130-PS-Dieselmotor. Die nächsten Stunden stampfen wir mit 4 Knoten (entspricht 4 Seemeilen pro Stunde, umgerechnet 7.2 km/h) nordwärts und konzentrieren uns darauf, das Schiff so ruhig wie möglich zu halten. Zum Vergleich: bei idealen Bedingungen segeln wir die Safier mit knapp 10 Knoten!

“Als wir wieder an Deck kommen fahren wir mit der Sturmfock und mit Beihilfe des Motors bei sehr stürmischen Bedingungen mit vier Knoten nordwärts. Einziges Zielt ist es das Schiff stabil zu halten und den Sturm auszuharren. Gegen Ende unserer Waceh erreichen die Wellen ihren Höchststand mit guten 5 Metern. Inzwischen ist auch Feline ausgefallen. Der Rest der Crew hält sich aber gut, wobei aber auch Fabi zu kämpfen hat. Wir essen viel zu wenig und merken, dass die Kraft etwas schwindet. Flø ist (natürlich) in bester Verfassung.”

07.01.2020, Tagebucheintrag Tobias

Zwischen den Sturmfronten

Dieses Jahr ist die viertätige Überquerung der Nordsee heftiger als in den letzten beiden Jahren. Die Ausgangslage war aber jedes Mal dieselbe: es ziehen Winterstürme über die Nordsee und es gilt, ein Wetterfenster zu finden, welches eine sichere Überfahrt ermöglicht. Oft führt dies dazu, dass man entweder zu Beginn einen abklingenden Sturm mitmachen muss oder dann kurz vor der Norwegischen Küste in einen aufkommenden Sturm hineinfährt. In beiden Fällen kriegt man auf der Strecke irgendwann einmal etwas von den mühsamen Nordseewellen ab. Wobei es eine grosse Rolle spielt, aus welcher Richtung der Wind in den letzten Tagen wehte. Bei Nordwestwind in der Nordsee haben die Wellen viel offenes Meer, um sich aufzubauen, und sind deutlich heftiger als zum Beispiel bei Nordostwind, welcher über die Skandinavische Landmasse auf die Nordsee trifft. Dieses Jahr jedoch folgt ein Tiefdruckgebiet direkt auf das nächste. Dies führt dazu, dass ein Sturm den anderen jagt und die erhofften Ruhephasen zwischen den Stürmen sehr kurz sind. So sind wir vor drei Tagen losgesegelt, mit dem festen Wissen, dass es dieses Jahr nicht einfach werden wird. Heute jedoch präsentiert sich das Wetter von seiner besten Seite. Der Seegang hat sich seit gestern Nacht etwas gelegt und wir kommen gut vorwärts. Da aber weiter nördlich das nächste Sturmtief mit bis zu 11 Beaufort Wind (12 Beaufort ist das Maximum der Skala) wütet, entscheidet Flø sich dafür, die Segelfläche zu reduzieren (also weniger Segel gesetzt zu haben). Dies hilft uns dabei, zu vermeiden, dass wir direkt in die nächste Front hinein segeln. In solchen Momenten zeigt sich die Komplexität einer solchen Überfahrt und die Erfahrung von Flø, der sich nicht von den guten Segelbedingungen verleiten lässt.

Den einen Fuss schon im trockenen Steuerhaus, hängt Sjoerd noch schnell seine Sicherung an der Lifeline aus.

Vollgetankt wiegt die Safier ungefähr 75 Tonnen. Dies ist umso beeindruckender, wenn man unter Segeln mit bis zu 18 Kilometern pro Stunde vorwärts kommt.

Seekarten, Kompass und GPS

Neben Wellen und Wind, zeigt auch das Barometer die kommende Front an. Der Luftdruck fällt seit einigen Stunden stetig. Ein starker Abfall des Luftdrucks während kurzer Zeit bedeutet eine Verschlechterung der Wetterlage. Doch nicht nur das Barometer, sondern auch die restlichen Instrumente im Steuerhaus werden ständig beobachtet. Dazu gehören zum Beispiel das Kartenmaterial, der aktuelle Kurs auf dem Kompass, die digitale Seekarte mit AIS sowie das Radar. Das Hauptnavigationsmittel ist dabei die Papierkarte, welche jederzeit auf dem Kartentisch bereit liegt. Obwohl die Seekarten an der Norwegischen Küste für das Passieren der Untiefen und Fahrwasser rege genutzt werden, übernehmen sie auch sehr wichtige Funktionen auf hoher See. In ihr werden alle 30–60 Minuten (oder bei sehr rauen Bedingungen einfach dann, wenn es geht) die aktuelle Position und Uhrzeit eingezeichnet. Im Falle eines Ausfalls der elektronischen Systeme hat man so zumindest einen Anhaltspunkt, wo man sich ungefähr befindet. Dazu kommen aber die Unzahl an Hindernissen, wie zum Beispiel Ölplattformen und Windparks, die umschifft werden müssen. Schaut euch dazu einmal die Karte weiter unten an, wir haben euch da unsere Route sowie alle Förderplattformen eingezeichnet. Alles andere als gähnende Leere und Einsamkeit auf dieser Nordsee …
Neben den Papierkarten steht aber, wie schon oben erwähnt, auch eine GPS-gestützte digitale Seekarte zur Verfügung. Der grosse Vorteil hier ist sicherlich das integrierte AIS (Automatic Identification System). Es handelt sich dabei um ein System, in welchem jedes Schiff über Funk seine Positionsdaten, inklusive Geschwindigkeit und Kurs sowie weitere Angaben zum Schiff (Typ, Länge, Tiefgang, Land, …) aussendet. Diese Informationen können von den Schiffen in der Umgebung empfangen werden und ermöglichen es so schon lange, bevor ein Schiff sichtbar wird, eine heikle Situation zu verhindern. Einige von euch haben uns dank dieser Technologie die letzten Jahre digital verfolgen können. Sich blind auf diese Systeme zu verlassen, ist aber definitiv keine gute Idee. Denn gerade Fischer sind bekannt dafür, dass sie das AIS zwischendurch ausschalten, damit ihre Berufskollegen nicht mitbekommen, welche Fischgründe angesteuert werden. Wer sich anschauen möchte, wo die Safier aktuell liegt, kann dies auf Marine Traffic tun. Wie ihr feststellen werdet, ist die Safier schon wieder zurück in Holland. Wegen Corona fällt wohl die gesamte Saison ins Wasser.

Route

Die diesjährige Route über die Nordsee ist in Rot visualisiert und führt von Harlingen, Niederlande, bis Leirvik, Norwegen. Die vielen Punkte, über die ganze Nordsee verstreut, zeigen die Standorte von Öl- und Gasplattformen. Beim Anklicken werden Namen der Plattform sowie deren Produktion und Status angezeigt (OSPAR, Stand 2015). Die Vorstellung von endloser Leere wird schnell von der Realität der “industriellen Nordsee” abgelöst.

Leben im Vier-Stunden-Intervall

Immer wieder haben wir von den Wachen geschrieben, aber euch nie genau erklärt, wie das so funktioniert. Das möchten wir an dieser Stelle nachholen. Da wir oft über mehrere Tage und Nächte am Stück unterwegs sind, wie zum Beispiel bei der Überquerung der Nordsee, müssen wir unsere Kräfte einteilen. Für regelmässige Erholung gibt es Wachen, also Teams von 3–4 Crewmitgliedern. Immer eines dieser Teams ist für 3–4h für die Arbeiten an Deck verantwortlich. Sie übernehmen das Navigieren, Steuern und jegliche Arbeiten an Deck, wie zum Beispiel das Trimmen (Anpassen der Segelstellung) der Segel bei einer Kursanpassung. Für die Nordsee ergeben sich 3 Wachen, die nach folgendem Wachschema an Deck sind: (1) 08–12 Uhr, (2) 12–16 Uhr, (3) 16–20 Uhr wobei von 18–20 Uhr alle wach sind und zusammen gegessen wird, (1) 20–23 Uhr, (2) 23–02 Uhr, (3) 02–05 Uhr und (1) 05–08 Uhr. Wie euch vielleicht aufgefallen ist, dauert in der Nacht die Wache “nur” 3 Stunden. Dies hat einen einfachen Grund: In der Nacht ist es meist kälter und die Dunkelheit macht alles anspruchsvoller, da sind die kürzeren Einsätze sehr willkommen. Was euch möglicherweise auch aufgefallen ist, ist der Umstand, dass die Wachen sich jeweils um eine Einheit verschieben. So durchläuft man in 3 Tagen alle Wachzeiten, was etwas Abwechslung bringt. Man gewöhnt sich relativ schnell an den Rhythmus 4h an Deck, 8h Ruhe, 3h an Deck, 6h Ruhe, 3h an Deck, 8h Ruhe, … Das Gefühl für Wochentage und Tageszeiten geht dafür genauso schnell verloren. Das Wenige, was an Bord noch zählt, ist «wie lange geht die Wache noch?» und «wie lange kann ich danach schlafen?». 15 Minuten vor Wachablösung wird man geweckt. Da wir meistens nur gerade die äussersten Kleiderschichten ausziehen, geht das Anziehen relativ schnell. Ab in die Segelhosen (die bei üblen Bedingungen direkt an den Gummistiefeln festgeklebt sind), Segeljacke drüber, Stirnband sowie Handschuhe an und ab an Deck. Dort gibt es ein kurzes Briefing zur aktuellen Situation und sobald die neue Wache vollständig ist, heisst es für die soeben Abgelösten ab in die Ruhezeit! Diese dient hauptsächlich zum Schlafen oder Essen, wobei letzteres je nach Bedingungen relativ wenig Spass macht.

Ein Thema haben wir bis jetzt ziemlich erfolgreich ignoriert, aber es wäre falsch es nicht anzusprechen: Seekrankheit. Auf jeder der drei Überfahrten haben immer wieder Crewmitglieder über der Reling gehangen oder sich in der Kajüte verkriechen müssen, weil der Körper nicht mehr mitgemacht hat. Dieses Jahr hat es leider Laura und Feline ziemlich übel erwischt. Wie sich das so anfühlt, erzählt euch Feline im Audiobeitrag:

Wir hoffen, ihr habt einen Eindruck gekriegt, was es heissen kann, im Januar über die Nordsee zu segeln. Wenn euch spätestens seit Felines Schilderungen nicht mehr so ganz wohl ist, dann können wir euch trösten. In zwei Wochen (Teil 3: Norwegens Küste) wird es deutlich weniger schauklig! Wir werden gemütlich entlang der Norwegischen Küste segeln und mit euch die Nordlichter bestaunen.

Teil 3: Norwegens Küste

Nach den Tagen auf offenem Meer, ist die Norwegische Küste eine sehr willkommene Abwechslung. Das Fahrgebiet ist herausfordernd, denn hat man die Ölplattformen auf der Nordsee schon von weitem gesehen, sind die unzähligen Untiefen und unbeleuchteten Inselchen um einiges besser getarnt. Dafür locken Häfen und Ankerbuchten mit ruhigen Nächten, kleine Dörfer laden zu Landspaziergängen ein und die Wellen sind dank den vorgelagerten Schären meist zahmer.
Wir haben euch in den letzten beiden Beiträgen viel zum Lesen zugemutet. Dieser letzte Beitrag ist deshalb hauptsächlich der Photographie gewidmet. Nehmt euch Zeit und taucht ein in raue Fjordlandschaften und unberechenbare Wetterfronten. Ganz zum Schluss kommen auch endlich die Nordlichter zum Vorschein, jedoch nur ganz sachte. Denn die besten Bilder sparen wir uns selbstverständlich für den Fotoabend auf!

Mit diesem dritten Beitrag schliessen wir unseren Onlinebericht ab. Wir sind überwältigt von eurem Interesse und all den positiven Rückmeldungen! Wir möchten diesen Moment zudem nutzen, um den Menschen, ohne welche dies hier erst gar nicht möglich gewesen wäre, zu danken:
Danke Bärbel, Christof, Fabi, Feline, Jan, Jelte, Jos, Lammert, Nele, Niko, Pascal, Sämi, Sjoerd und Ursina. Mit euch zu Segeln, zu Kochen, zu Lachen und gelegentlich zu Fluchen hat diese Überfahrten unvergesslich gemacht. Danke Flø. Für die Möglichkeit bei diesen Abenteuern dabei zu sein, dein Vertrauen und all deine goldrichtigen Entscheidungen auf See. Danke Anina. Für all die Zeit, welche du ins Lektorat dieser Beiträge investiert hast.

Gästebuch

Fragen? Anmerkungen? Angesteckt vom Segelfieber? Das Gästebuch ist für alle und alles da, wir werden selbstverständlich auf eure Fragen und Bemerkungen reagieren. Aber bitte, fühlt euch wirklich nicht verpflichtet etwas reinzuschreiben.